Alluvialboden
Das Alluvium ist alles, was ein Fluss transportiert und ablegt. Kies, Sand, Schluff, Ton, in wechselnden Anteilen. Ein Fluss sortiert nach Gewicht: Schwere Brocken bleiben dort, wo die Strömung nachlässt — an Flussbiegungen, am Fuß der Berge, dort, wo sich das Tal öffnet. Leichteres Material trägt das Wasser weiter bis in die Ebene.
Was diesen Mechanismus für den Weinbau entscheidend macht, ist der Zeitfaktor. Über einen Zeitraum von etwa einer Million Jahren rissen Schmelzwasser der pleistozänen Eiszeiten Gestein aus den Gebirgen und lagerten es in den Flusstälern ab. Jede Eiszeit hinterließ eine Schicht. Zwischen den Eiszeiten schnitten sich die Flüsse tiefer in ihr eigenes Bett und ließen die älteren Ablagerungen als erhöhte Terrassen zurück.
Die ältesten liegen am höchsten und am weitesten vom heutigen Flusslauf entfernt. Über hunderttausende Jahre hat Regenwasser die Nährstoffe aus ihnen ausgewaschen, der Kies hat sich verdichtet, der Ton dazwischen zu einer harten Schicht zusammengepresst. Das Ergebnis drainiert hervorragend, bietet kaum Nährstoffe und zwingt die Rebe, ihre Wurzeln tief in den Untergrund zu treiben.
Um sich einen Alluvialboden zu verdeutlichen, muss man etwas größer denken: zum einen hat die Entstehung von Alluvialböden zumindest einige 10.000 Jahre gedauert, oft hingegen auch viele Millionen Jahre. In solchen Dimensionen können Flüsse viel Material herantragen.
Durch den Wechsel von Warm und Kaltphasen waren auf der Erde zum Teil erhebliche Wassermassen, die entweder bei der Schmelze mächtiger Gletscher ihren Weg bahnten und Material über hunderte Kilometer weit getragen haben. Oder es gab erhebliche Niederschläge, Überschwemmungen, an die wir uns gerade erst wieder gewöhnen müssen.
Zwar ist ein Schwemmlandboden auch der Sand in einem Flussbett, mit einem Alluvialen Weinberg Boden sind jedoch mächtige Schichten gemeint - mehrere Meter und mehr - die über einen sehr langen Zeitraum gebildet wurden.
Einige Beispiele für alluviale Weinberge:
Bordelais: Kies aus zwei Gebirgen
Diese Terrassen sind die Graves — der Kies, nach dem die gleichnamige Appellation südlich von Bordeaux benannt ist. Die Grands Crus des Médoc stehen auf den ältesten und höchsten Stufen: flache Schotterrücken, die Croupes, getrennt durch kleine Bäche, drainiert seit dem mittleren Pleistozän. Die Crus Classés von Pessac-Léognan stehen auf Terrassen, die auf etwa 800.000 Jahre datiert werden. Der Unterbau ist tertiärer Kalkstein — der Calcaire à Astéries des Stampien.
Die jungen Schwemmböden direkt an der Garonne — die Palus, tonig, feucht, nährstoffreich — tragen nur einfachen Bordeaux. Das Material ist dasselbe; der Unterschied ist das Alter.
Rasteau und Piemont: Miozän unter Pleistozän
In Rasteau besteht der Boden aus zwei geologischen Schichten. Die Hügel zwischen 160 und 290 Metern Höhe bestehen aus marinen Sedimenten des Miozän: Mergel, blaue Tonmergel, Safres — feinkörnige Sandsteine, die das Meer vor 20 bis 8 Millionen Jahren abgelagert hat, als das Mittelmeer das spätere Rhônetal flutete. Tiefer am Hang, zwischen 120 und 160 Metern, liegen alte quartäre Terrassen: Kies und Geröll, das die Zuflüsse der Rhône während der Eiszeiten herantrugen.
Der Kies drainiert, die Mergel darunter speichern Wasser und liefern über ihre Tonminerale Nährstoffe: Kalium, Magnesium, Eisen, Spurenelemente. Die Rebe wurzelt durch den Kies in die Mergel. Georges Truc, der den Begriff Önogéologe geprägt hat, nennt die Mergel von Rasteau einen «coffre-fort», einen Tresor, aus dem die Wurzeln sich bedienen. Grenache auf den miozänen Mergelböden liefert Finesse und kühlere Aromatik; auf den quartären Kies-Terrassen entsteht Kraft und reife Frucht. Die Weine von Rasteau sind, wenn sie lagenweise ausgebaut werden wie von Brusset, Gramiller und Perdrière. Echte Terroir - Klassiker von der Rhône, die diese verschiedenen Böden perfekt interpretieren, also aus spontanter Gärung mit dem Ziel, hochwertige Weine zu erzeugen.
Im Piemont liegt dieselbe Abfolge vor, entstanden durch denselben geologischen Prozess: marine Sedimentation im Miozän, dann Überschüttung durch Flussalluvium im Pleistozän. Die Langhe, auf der rechten Seite des Tanaro bei Alba, bestehen aus Mergel, Kalkmergel und Sandstein des Helvetien und Tortonien, abgelagert vor 15 Millionen Jahren in einem Tertiärbecken. Vor rund 100.000 Jahren verlegte der Tanaro durch tektonische Absenkung seinen Lauf nach Nordosten und schnitt dabei die miozänen Hügel frei. Gleichzeitig schüttete er Alluvium aus den Ligurischen Alpen in die Talebenen. Die pleistozänen Flussterrassen links und rechts des Tanaro liegen direkt auf dem miozänen Untergrund.
Im Roero, auf der linken Tanaro-Seite, sind die Sedimente jünger — Pliozän, 2 bis 3 Millionen Jahre — und noch voller Fossilien. Die Rocche del Roero, bis zu hundert Meter tiefe Schluchten aus gelbem Sandstein, sind das sichtbare Ergebnis der Erosion nach der Flussumleitung. Die kompakten Helvetien-Mergel in Serralunga d'Alba liefern den straffen, langlebigen Barolo; die weicheren Tortonien-Mergel bei La Morra tragen den fruchtbetonteren Stil. Weine der Fratelli Mossio aus Diano d'Alba - kräftige Rotewine aus Dolcetto und Giomo mit seinen feinen Arneis und Nebbiolo sind zwei Beistpiele dieser Region. Die Ebene zwischen den Hügeln — junges Alluvium des Tanaro — produziert Massenwein.
Languedoc und Roussillon
Im Languedoc wiederholt sich das Terrassenmuster entlang der Flüsse Hérault, Orb und Aude. Im Minervois stehen alte Carignan-Bestände auf Kieselterrassen der Aude — Rundkies, Ton und Kalk, der gleiche Mix, der die Region seit den 1980er Jahren von Massenproduktion zu ernsthaftem Weinbau gebracht hat.
Im Roussillon haben vier Küstenflüsse — Agly, Têt, Réart und Tech — ein Terrassensystem aufgebaut, das bis zu fünf quartäre Stufen umfasst. Die Têt hat Granit- und Quarzkiesel aus den Pyrenäen in die Ebene bei Perpignan getragen; die älteren Terrassen sind durch Eisenoxide rot zementiert. Im Tal der Agly, weiter nördlich, dominiert Schiefer. Die AOP Côtes du Roussillon Villages nutzt diesen Kontrast: Reben auf den Kiesterrassen der Têt (Rière Cadène für körperreichen Rotweine, Reben auf dem Schiefer der Agly für Spannung und Frische.
Cahors die Causses für kräftigen Rotwein
In Cahors hat der Lot seine Mäander tief in die Kalksteinplateaus der Causses du Quercy gegraben — den Causse de Gramat im Norden, den Causse de Limogne im Süden. Die Causses bestehen aus jurassischem Kalkstein, 150 Millionen Jahre alt, stellenweise überlagert von jüngeren lakustrinen Kalkmergeln des Oligozän und Miozän (der sogenannte Quercy blanc). Die Reben auf den Causses stehen auf dünnem, steinigem Argilo-Calcaire: Kalksteinschutt, eingebettet in gelbe oder rote Tonerde.
Unten in der Lottal-Ebene staffeln sich drei Alluvialterrassen. Die erste, direkt am Fluss, ist sandig-lehmig und liefert leichte, früh trinkbare Weine. Die zweite Terrasse trägt Geröll in einer sandig-tonigen Matrix — Graves, vergleichbar mit Bordeaux. Die dritte, älteste Terrasse mischt quartäre Alluvionen mit Kalksteinschutt, der von den Causse-Hängen herabgestürzt ist — die Grèzes. Auf dieser dritten Stufe, wo sich Flussmaterial und Kalksteinerosion verbinden, wachsen die konzentriertesten Malbec-Weine des Cahors. Etwa 60 % des Weinbergs liegt auf den Terrassen, 40 % auf den Causse-Plateaus und Hanglagen.
Die Besonderheit von Cahors gegenüber Bordeaux: der Kalkstein der Causses ist nicht nur Unterlage, sondern selbst Weinberg. Die jurassischen Kalke sind hart und zerklüftet — die Rebe wurzelt in den Rissen. Auf den Causses ist es trockener, heißer und windiger als im Tal. Der Malbec liefert dort straffere, tanninreichere Weine mit längerer Reife als auf den Alluvialterrassen.